Zurückgelassen – eine Zechenwelt verschwindet

1. August 2010 | Von kkoellen | Kategorie: Was war
Eine Welt für sich: die stillgelegte Zeche (Fotos: Christian Jakubetz)

Eine Welt für sich: die stillgelegte Zeche (Fotos: Christian Jakubetz)

Vor vier Jahren haben die Kumpels in Lohberg ihre Zeche zurückgelassen. Seitdem ist das Gelände gesperrt. Die Öffentlichkeit hat keinen Zugang. Impressionen aus einer versunkenen Welt im Ruhrgebiet.

Von Katja Köllen

Ein einsames Licht leuchtet im tiefschwarzen Raum, in dem sich jahrzehntelang die Kumpels umgezogen haben. Ein kleiner Lichtblick in der stillgelegten Zeche. Seit vier Jahren hat hier niemand mehr die Lichtschalter benutzt. Seitdem brennt die Birne. Niemand fühlt sich verantwortlich für das kleine Leuchten in der Bergbauhalle. Eine dicke Staubschicht auf dem Boden zeugt von der Einsamkeit. Im Lichtstrahl sieht man den schwebenden Staub. Das sanfte Licht fällt auf die 50er-Jahre-Kacheln auf dem Boden und die Eisenketten an den Wänden.

Nach vier Jahren Stillstand schenkt kaum jemand der Zeche in Dinslaken-Lohberg seine Aufmerksamkeit. Und nur wenige bekommen die Gelegenheit, sich hier näher umzusehen. Obwohl viele Lohberger den grünen Förderturm tagtäglich sehen, ist die Zeche aus dem täglichen Leben verschwunden. Kreative tummeln sich seit zwei Jahren im ehemaligen Verwaltungsgebäude. Hübsche Ateliers wurden eingerichtet. In die Welt dahinter gelangen nur Eingeweihte. Lediglich auf besondere Anfrage und zu Veranstaltungen bekommen Menschen die Chance, einen Blick auf den Stillstand zu werfen.

In einem Pausenraum liegt unter einer Bank immer noch Papier, als hätte nach Schichtende jemand vergessen aufzuräumen. Tische und Stühle stehen an der richtigen Stelle. Jederzeit könnte die Pause beginnen. Statt Männerstimmen und klappernden Tellern füllt Stille den Raum, der einst zur Erholung diente. Verlassene Gänge führen zu Räumen, die nur vom schummrigen Licht erfüllt werden. Alte Luft steht. Es riecht nach Vergangenheit.

Als die Kumpels in der Zeche Lohberg nach ihrer Nachtschicht am 30. Dezember 2005 den Schacht verlassen, wird die Kohleförderung offiziell eingestellt. An diesem Tag wird die Zeche mit ihren Pausenräumen, Waschhallen und Werkstätten zurückgelassen. Geblieben sind einzelne Spuren der Menschen, die hier Tag für Tag ihre Arbeit verrichteten: Dienstpläne vom Dezember 2005, ein Besteckkasten steht auf dem Boden, ein Spaten lehnt an der Wand, ein Kaffeebecher liegt auf der Fensterbank.

Schon 1905 gründete August Thyssen die Gewerkschaft Lohberg. 1912 stießen die Kumpel auf die erste Kohle. Langsam konnte der Abbau vorangetrieben werden. Im Juli 1913 wurde die Förderung offiziell. Während in Europa der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde in Lohberg damit begonnen, täglich Kohle abzubauen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam der rasante Aufschwung – wie überall in der Wirtschaftswunderrepublik. Das Bergwerk wurde ausgebaut. Das Fördergerüst von Schacht Zwei war 1957 das größte im ganzen Ruhrgebiet. Mit über 70 Metern ragte es zwischen den Häusern hervor, prägte das Stadtbild. Die Zeche Lohberg hatte ein markantes Gesicht.

Noch heute steht der grüne Riese inmitten der Zechengebäude. Das Fördergerüst über Schacht Zwei zieht immer noch die Blicke auf sich. Beinahe einzigartig ist der Bau. In den 50er Jahren wurde er zum Zeichen für den Ausbau der Zeche zur Großschachtanlage. Hinter den Türen, am Fuß des Fördergerüsts, verbirgt sich diese Welt, die vor Jahren verlassen wurde, aber nicht vergehen kann. Im Waschraum ist alles schwarz verdreckt. Der Zerfall lässt den Putz ins Waschbecken bröckeln. Müllberge türmen sich, wo die Kumpel ihre Alltagskleidung gegen Bergmannskluft tauschten – Kaue nannten sie diesen Raum. Zurückgelassen wurde, was niemand mehr brauchte.

Die Kumpel der Lohberger Zeche arbeiteten in einem der leistungsstärksten Bergwerke Deutschlands. Kurz bevor die letzte Kohle übers Förderband lief, kam man auf 1,7 Millionen Tonnen Kohle im Jahr. Dies änderte aber nichts daran, dass Ruhrkohle stark subventioniert werden musste. Mit mehr als 100 Milliarden Euro wurde das Leben des deutschen Steinkohlebergbaus verlängert. Die Zukunft der Zeche Lohberg konnten sie nicht retten. Beinahe 3.000 Menschen gingen im Jahr 2004 täglich durch das Tor an der Hünxer Straße zu ihrem Arbeitsplatz. Von Monat zu Monat wurde die Mitarbeiterzahl reduziert. Die gewonnene Kohle wurde weniger. Mehr und mehr Menschen verloren ihre Arbeit, mussten die Zeche verlassen und nach neuen Perspektiven suchen.

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Ein langer Gang wird von unzähligen Schließfächern gesäumt. Sie sind verschlossen. So wie die Zechenwelt hinter dem Künstlerquartier in Lohberg. Nur Staubflusen hängen an den Ecken der gelben Kästen. Eine Schutzbrille liegt auf dem Boden. Vier Jahre hat sie Staub angesammelt — so wie alles, was die Kumpel zurückgelassen haben.

Das Zechensterben, das bereits 1957 begann, erreicht zum Jahrtausendwechsel auch Dinslaken. Im September 2003 beschließt die Deutsche Steinkohle AG das Ende des Bergwerks Lohberg. Bis 2007 soll alles abgewickelt sein und die Zeche ihre Tore schließen. Am Ende geht es sogar noch schneller: Im Jahr 2006 verlieren die letzten 1.430 Mitarbeiter ihre Arbeit. Zur besten Zeit der Zeche in den 50er Jahren waren in Lohberg noch mehr als 5.000 Menschen beschäftigt.

Dort, wo die Kumpel gemeinsam ihre Kluft wechselten, wo es kurz darauf in den Schacht hinab ging, hat sich ein Bergmann verabschiedet. Seinen letzten Gruß hat er auf die Kacheln geschrieben. Ganz eindeutig ist die Schrift zu lesen. Aber auch sie wird bald verschwinden, wenn das Gebäude den neuen Stadtplanungen weichen wird. So wie überall im Ruhrgebiet. Wenn die Pläne wahr werden, wird 2018 die letzte Zeche an der Ruhr geschlossen. Doch solange spricht die Botschaft in der Zeche Lohberg unzähligen Kumpels im ganzen Ruhrgebiet aus dem Herzen: „BW Lohberg ich werde dich vermissen.“

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