Kunst im Knast

28. Juli 2010 | Von rrauch | Kategorie: Was ist

Die Kulturhauptstadt ist auch an ungewöhnlichen Orten anzutreffen. „Graffiti und Justiz“ heißt ein Projekt, in dem Gefangene der Justizvollzugsanstalt Moers-Kapellen ein großes Graffito gestalten – ganz legal und mit professioneller Unterstützung.

Von Raphael Rauch

Dominic M., 31

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Ist im Gefängnis Moers-Kapellen inhaftiert: Dominic M., 31 (Foto: Ronja von Wurmb-Seibel)

„Am Sprayen gefällt mir, dass ich gut abschalten kann. Wenn man sechs Tage die Woche arbeitet, ist es gut, mal den Kopf frei zu machen“, sagt Dominic M. Dabei hat der gelernte Maurer gar keine normale Arbeitswoche. Der 31-Jährige ist das, was viele einen „Knacki“ nennen und offiziell „Strafgefangener im offenen Vollzug“ heißt. Sein Alltag besteht aus Gefängnisarbeit und dem täglichen Kampf gegen das Rumsitzen und die Langeweile.
Einen Augenblick zögert Dominic, bevor er mit blauer Farbe die Wand ansprüht. Noch einmal wirft er einen Blick nach oben, entlang der großen weißen Wand, als wolle er den Moment festhalten. Die Wand, die einst Gefangene mit Stacheldraht von der Außenwelt abschirmte, soll bunt angesprüht werden. Aufgeregt ist der Mann mit den Tattoos an den Unterarmen nicht, als er den Innenhof des leer stehenden Alten Hafthauses in Moers betritt, wo er eine Woche lang mit professioneller Unterstützung an diesem Kunstprojekt mitwirkt. Eher ganz cool. „Ich freue mich, wieder zu sprayen“, sagt Dominic und legt los, sprüht einen blauen Buchstaben auf die weiße Wand.
Mit dem Kunstprojekt will die JVA Moers-Kapellen einen Beitrag zur Kulturhauptstadt 2010 leisten und eine Brücke zur Gesellschaft schlagen. „Unsere Gefangenen sind keine Monster, sondern Mitglieder der Gesellschaft mit Talenten, die es zu fördern gilt“, sagt Detlef Reck, 45, der Sport- und Freizeitkoordinator des Gefängnisses. „Außerdem wollen wir zeigen, dass man Graffitis auch auf legalem Wege sprayen kann und dass es sich dabei nicht um Schmiererei, sondern um Kunst handelt.“ Unterstützt werden die Gefangenen von Il-Jin Choi, 29. Er kommt auch aus Moers und ist professioneller Graffiti-Sprayer. Ihn beschäftigt vor allem die Machtfrage, die sich im Kunstprojekt „Graffiti und Justiz“ widerspiegelt. „Die da drinnen und wir da draußen, das Spannungsfeld von legal und illegal fasziniert mich“, sagt Il-Jin Choi, der inzwischen in Frankfurt lebt. Gemeinsam mit Dominic und anderen Gefangenen wird er diese Woche aus dem hohen Gemäuer ein buntes Kunstwerk schaffen.

Im Hof des Alten Hafthauses in Moers sprayen Gefangene ein buntes Graffito (Foto: Ronja von Wurmb-Seibel)

Im Hof des Alten Hafthauses in Moers sprayen Gefangene ein buntes Graffito (Foto: Ronja von Wurmb-Seibel)

Sprayen ist für Dominic wie eine Reise in seine Kindheit und Jugend, als er noch in Wilhelmshaven wohnte und noch nicht wusste, dass er eines Tages im Gefängnis sitzen würde. Sein älterer Bruder nahm ihn mit zum Breakdancen, als er zehn war. Dominic wurde ein leidenschaftlicher Tänzer, und vom Breakdancen kam er zum Sprayen. Begeistert erzählt er, wie er seine Sprühkünste ausprobierte, wie er an der Schule in der Graffiti-AG mitwirkte und 1996 sogar ins Guiness-Buch der Rekorde kam: Zusammen mit anderen Leuten sprayte er ein 1600 Quadratmeter großes Bild auf den Öltanker einer Raffinerie. Dominic sprüht keine bestimmten Bilder, Leitmotiv seiner Kunst ist der Schriftzug seines Künstlernamens TRON.

Die Zeiten, als Sprayen für Dominic ein angenehmer Zeitvertreib war, sind allerdings lange vorbei. Es ist viel passiert in den letzten Jahren. Aus dem Maurer wurde ein Telekommunikationskaufmann, er zog nach Aachen, geriet auf die schiefe Bahn. Seit April sitzt Dominic im Gefängnis. Warum und wie lange noch, darüber möchte er nicht sprechen. „Aber ich bin bald draußen“, sagt er und zeigt sich optimistisch. „Es war für mich das erste und das letzte Mal im Knast.“ Über das Gefängnis, in dem er jetzt inhaftiert ist, spricht er durchweg positiv. Mit Schaudern erinnert er sich an den geschlossenen Vollzug, wo er die ersten zwei Wochen verbracht hatte. „Dort kann man nur zweimal die Woche duschen.“ Im offenen Vollzug hingegen haben die Häftlinge mehr Freiheiten und alle zwei bis drei Wochenenden Freigang. „Es ist eigentlich sehr angenehm, so etwas wie Fremdschlafen, wenn man im Ausland arbeitet und auf Montage geht.“

Dennoch kann Dominic es kaum erwarten, entlassen zu werden. Seine Freundin ist schwanger, Anfang August soll er Vater einer Tochter werden. Er freut sich riesig auf sein Kind. „Hauptsache gesund“, sagt Dominic und fügt traurig hinzu: „Es ist nicht schön, wenn man weiß, dass man seine Freundin nicht unterstützen kann. Und es ist auch nicht schön, dass ich der letzte bin, der von der Geburt erfährt.“ Das Graffiti-Projekt nimmt der werdende Vater dagegen gelassen: „Ich will einfach nur ein gutes Bild machen. Und die Stimmung muss gut sein.“

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