Keine Heimat, nirgendwo

28. Juli 2010 | Von cjakubetz | Kategorie: Was ist

“Wir sind keine Duisburger, wir sind Marxloher”: Der Mann, der diesen Satz sagt, sagt ihn ganz ohne Bitterkeit,  sondern stolz. Mustafa Tazeoglu ist Mitglied des “Medienbunkers Marxloh” und hat unter anderem mit der Aktion “Made in Marxloh” für einiges Aufsehen gesorgt. So wie sein Verhältnis zum — als sozialer Brennpunkt verrufenen — Duisburger Stadtteil, ist auch seine Einstellung zum Thema “Deutscher oder Türke”: ambivalent.

Von Christian Jakubetz

Neues Markenzeichen: "Made in Marxloh" soll für mehr Selbstbewusstsein sorgen (Foto: Christian Jakubetz)

Ankunft, Duisburg-Hauptbahnhof. Man ist hier schnell angekommen, wie überall im Revier. Jede Stadt ist mit der S-Bahn erreichbar, von Essen nach Duisburg braucht man gerade mal 20 Minuten. Die Wege nach Marxloh sind aber länger, sehr viel länger. Vom Hauptbahnhof ins Zentrum von Marxloh ist man mit der Straßenbahn nochmal eine gute halbe Stunde unterwegs. Marxloh liegt geopraphisch so, wie die anderen Marxlohs der Republik auch, wie Neukölln oder das Hasenbergl: irgendwo an der Peripherie, wo die Straßen allmählich grauer werden, wo sich die Bahnstationen langsam zu leeren beginnen. Dort also, wo in vielerlei Hinsicht Endstation ist.

Get the Flash Player to see the wordTube Media Player.

Die nackten Zahlen: 17.000 Einwohner, Ausländeranteil rund 35 Prozent. Standort einer der größten Moscheen in Deutschland. Ganze Straßenzüge mit türkischen Supermärkten, Brautläden, Gemüseständen. Und mittendrin ein 27-jähriger Deutsch-Türke, einer aus der Generation, die er selber “die neue Drei” nennt. Mustafa Tazeoglu  hat einen ebenso typischen wie ungewöhnlichen Lebenslauf:  in Marxloh geboren und aufgewachsen, Abitur mit Note 2,2. Nach Aufenthalten in Frankreich und den USA  zurück ins Ruhrgebiet, Studium der Volkswirtschaft und Französisch. Danach Front-Officer Manager der 23. Universiade 2005 in Izmir,  er koordinierte dort 10.000 Sportler aus 142 Ländern im Olympiadorf vor Ort. Ab 2006 leitete er die Marketingabteilung des ersten deutsch-türkischen TV-Senders mit Lizenz in Deutschland („Kanal Avrupa TV“). Seit 2007 gehört er zum Kollektiv des Medien-Bunkers Marxloh. Medienmacher, Soziologen, Stadtplaner und Wirtschaftsleute: Durch erfolgreiche Aktionen wandelt sich das negative Image Marxlohs nun in das eines selbstbewussten Stadtteils, der um seine Stärken weiß und sie laut vertritt. Seit 2009 leitet Mustafa Tazeoglu das Projekt „Kreativ.Quartiere“ für die Europäische Kulturhauptstadt RUHR.2010.

Geboren und aufgewachsen in Marxloh – trotzdem fühlt er sich nicht als Deutscher: Mustafa Tazeoglu. (Foto: Jakubetz)

Und trotzdem schwingt in vielen Sätzen des 27-Jährigen Wut mit. Wut auf die Deutschen, die sich “Quoten-Türken” halten, Mesut Özil beispielsweise, sagt er, das sei so einer. Wut darauf, als in dritter Generation hier lebender, perfekt integrierter, bestens ausgebildeter Deutschtürke jeden Tag im Alltag Repressionen erleben zu müssen. Gleichzeitig aber schwingt auch der Stolz in seiner Stimme mit, den jemand hat, wenn er es von ganz unten raus geschafft hat: Der Junge aus Marxloh, der kulturelle Events verantwortet — das ist eine Geschichte, die man gerne liest und die dennoch von Ambivalenz geprägt ist. Der Kulturmanager, der wegen seines Namens Probleme hat, eine Wohnung zu finden.

Mustafa Tazeoglus Antwort auf die Frage, ob er sich denn nun eher als Deutscher oder als Türke fühle, fällt dann alles andere als ambivalent aus: “Türke. Was bleibt mir anderes übrig? Man lässt mir keine Wahl.”

Tags: , , ,

Keine Kommentare möglich.