Wider die Reizüberflutung!

29. Juli 2010 | Von kjanker | Kategorie: Was kommt

Der Stuttgarter Künstler Georg Winter sieht sich als Störfaktor des Kulturhauptstadtprogramms. Er kritisiert die Ausrichtung auf Massenveranstaltungen und will den Menschen vor Überreizung bewahren. Im Interview spricht der künstlerische Aktivist und Professor für Bildhauerei über seine Motivation und sein nächstes Projekt, den „Space of Total Retreat“.

Von Karin Janker

Mit provokanten Aktionen stört Georg Winter immer wieder den Kulturbetrieb (Foto: Georg Winter)

Mit provokanten Aktionen stört Georg Winter immer wieder den Kulturbetrieb (alle Fotos: Georg Winter)

Herr Winter, Sie nehmen mit drei Projekten für „Hacking the City“ am Kulturhauptstadtjahr teil. Ihre Kunst steht dabei im Widerspruch zu den Massenveranstaltungen, die das Programm von Ruhr 2010 prägen. Verstehen Sie sich als Störfaktor?

Meine Taktik ist es, die Schubumkehr zu nutzen. Ich will die ohnehin genervte Bevölkerung nicht mit meiner Kunst nerven, sondern mit den Leuten an Utopien von Freiheit arbeiten. Es wird nichts von ihnen verlangt, das schärft die Wahrnehmung der eigenen Situation.

Ein Projekt, das für diesen Rückzug aus der Reizüberflutung steht, ist ihr „Space of Total Retreat“, der Ende August auf dem Essener Kopstadtplatz aufgebaut werden soll. Wie wird diese Installation aussehen?

Georg Winter bezeichnet sich selbst als "künstlerischen Aktivisten" und ist außerdem Professor für Bildhauerei an der Hochschule der Bildenden Künste Saar

Georg Winter bezeichnet sich selbst als "künstlerischen Aktivisten" und ist außerdem Professor für Bildhauerei an der Hochschule der Bildenden Künste Saar

Der „Space of Total Retreat“ ist ein urbaner Rückzugsraum auf einem belebten Platz. Er besteht aus drei Teilen: Schirmraum, Pufferraum und Kernraum. Der Kernraum soll Platz für bis zu drei Testpersonen bieten. Dort ist man von sämtlichen urbanen Reizen isoliert: Der Raum ist klar strukturiert, schalldicht und besitzt keine Fenster. Es wird Liegeflächen geben, Wasser und Essen. Sonst nichts. Der Mensch soll auf seine momentane Situiertheit und seine körperlichen Bedingungen zurückgeworfen werden.

Mit diesem Versuch wollen Sie die Menschen also von der täglichen Überreizung befreien?

Das Projekt ist ein Modellversuch. Die Dauerreizung zermürbt die Menschen, ich will ihnen Erholung bieten. In manchen Situationen wäre einem schon geholfen, wenn man sich eine Stunde aus der städtischen Hektik und der Reizüberflutung zurückziehen könnte. Man muss dafür nicht extra auf’s Land fahren, der „Space of Total Retreat“ bietet genau diesen Rückzugsraum. Allerdings steht es den Teilnehmern an der Performance frei, den Raum zu verlassen, wann sie möchten. Wir wollen sie schließlich nicht noch zusätzlichem Stress aussetzen.

Was ist Ihre Botschaft an das Publikum?

Ich möchte die Menschen zu ausgelassener Gelassenheit und gelassener Ausgelassenheit aufrufen. Man sollte nicht ständig Angst haben, etwas zu versäumen. Es ist eine Leistung, etwas nicht zu tun, zum Beispiel Geld zu finden und es nicht aufzuheben. Andererseits braucht die Gesellschaft auch immer wieder Aufbrüche – diese sollten allerdings nicht nur bei inszenierten Massenveranstaltungen möglich sein, sondern auch im Alltag.

So soll der "Space of Total Retreat" aussehen, der Ende August in Essen gebaut wird

So soll der "Space of Total Retreat" aussehen, der Ende August in Essen gebaut wird

Viele kritisieren, das Programm der Kulturhauptstadt ziele zu sehr auf Events ab. Denken Sie, dass Kunst und Kultur auch bei Massenveranstaltungen erfahrbar sind?

Deutschland hat in seiner Geschichte einige traumatisierende Massenphänomene erlebt, etwa im Dritten Reich. Darum ist es einerseits positiv, dass Menschen heute wieder etwas zusammen machen können. Kunst kann man aber meiner Meinung nach als Individuum besser aufnehmen, weil in der Masse die Feinheiten untergehen. Die Auseinandersetzung mit Kunst ist ein individueller Prozess. Bei der Kulturhauptstadt sehe ich die Gefahr, dass auf dieses eine Jahr ein riesiger Erwartungsdruck gelegt wird und nicht auf Nachhaltigkeit geachtet wird.

Wie könnte man Ihrer Meinung nach Kunst und Kultur für eine breite Bevölkerung interessant machen?

Wichtig ist, dass sich Leute aus eigener Motivation beteiligen und nicht ständig nur bespaßt werden. Die Bevölkerung muss die Freiheit haben, die kulturellen Angebote selbst mit zu gestalten. Deshalb ist Kontinuität im Kulturprogramm so wichtig: Nicht nur einmal groß knallen lassen und dann werden im nächsten Jahr die Theater geschlossen.

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