Das zweite Leben der Zeche Lohberg

30. Juli 2010 | Von sgundert | Kategorie: Was kommt

Das Gelände der ehemaligen Zeche Lohberg (Foto: Katja Köllen)


Stillstand und Wandel liegen bei der Zeche in Dinslaken-Lohberg dicht beieinander. Hinter dem neuen Kreativquartier mit Ateliers und Studios für Maler, Fotografen und Musiker, bietet sich ein Bild des Verfalls. Vergangenheit und Zukunft führen eine friedliche Co-Existenz auf 60 Hektar.

Von Sabrina Gundert


Wer durch die Tür hinter dem Maleratelier tritt, landet in einer anderen Welt. Waren die Wände eben noch blasslila, so herrscht hier Dunkelheit. Nur ein Scheinwerfer in der Ecke leuchtet den Raum etwas aus. An der Decke hängen Metallkörbe, lange Schnüre verlaufen neben Sitzbänken Richtung Decke. Hier in der Kaue zogen sich früher die Bergmänner um, ehe sie unter Tage gingen. Neben der Schnur mit der Nummer 522 hängt das Abziehbild eines tanzenden Löwen.

Stillstand und Wandel prägen diesen Ort, an dem fast 100 Jahre lang rund 4.000 Bergmänner zwischen Tageslicht und absoluter Dunkelheit pendelten. 2005 wurde die Zeche in Dinslaken-Lohberg geschlossen. Der Rückbau der Gebäude begann. Doch nicht alle Räume liegen im Dornröschenschlaf. Im alten Verwaltungsgebäude und dem Sozialgebäude der Zeche begann vor zwei Jahren das neue, das zweite Leben der Zeche. Künstler und Kreative entdeckten das Gelände für sich. Mit der Kulturhauptstadt schlossen sich zehn Städte des Ruhrgebiets zusammen, um ihre so genannten Kreativquartiere gemeinsam zu vermarkten — fünf Quartiere bestanden schon eine Weile, andere wurden extra neu gegründet. Durch die räumliche Nähe von Künstlern und anderen Akteuren, sollen auf alten Geländen nun neue Netzwerke entstehen. Das ist die Idee. „Es ist das erste Mal, dass nicht nur Künstler, sondern auch Wirtschaftsförderer und Planer gemeinsam an einem Tisch sitzen“, sagt  Ilka Cirkel, die bei der Wirtschaftsförderung „metropoleruhr“ für die Kreativquartiere zuständig ist. Wenn diese Runden Tische das Kulturhauptstadtjahr überdauern, sei schon viel gewonnen.

Mustafa Tazeoglu, Projektleiter der Kreativquartiere, sieht in den Quartieren einen Anstoß, keine fertige Lösung: „Wir behaupten nicht, dass das was wir hier machen der Oberhammer ist, sondern wir wollen mit den Quartieren herausfinden, ob und wie urbane Entwicklung vorangetrieben werden kann.“ Die Kreativquartiere sieht er als Testlabore und Lohberg als Sonderstandort, weil es ein Randquartier und weder „hip noch urban“ sei. Dafür hat Lohberg eigene Vorteile: „Lohberg lebt von den Rückkehrern. Früher hat der Mann von einer der Kreativen als Steiger hier im Bergbau gearbeitet. Andere haben vor Ort etwas geerbt und sehen hier nun eine neue Jobperspektive“, sagt Tazeoglu. Die Menschen seien mit dem Ort verbunden, hätten hier ihre Heimat. „Das sind nicht die Kreativen wie in Berlin, die mal kurz irgendwo was machen und dann wieder abhauen.“

Im ehemaligen Verwaltungsgebäude ist heute das Kreativquartier untergebracht (Foto: Katja Köllen)

Im ehemaligen Verwaltungsgebäude ist heute das Kreativquartier untergebracht (Foto: Katja Köllen)

In der Halle des alten Verwaltungsgebäudes sind auf einem Bild drei Männer vor den rauchenden Schloten des Ruhrgebiets zu sehen. Zwei Bergmänner und ein Bauer. Versteckte Hinweise auf eine andere, frühere Zeit sind auch in dem neuen Kreativquartier zu finden. „Betreten auf eigene Gefahr“ heißt es an einer Stelle oder „Bergwerksdirektor Sekretariat K1.1.10“. Doch hinter den massiven Holztüren, die im ersten Stock rund um die lichte Halle verlaufen, arbeiten heute Maler, Fotografen, Musiker. Sie alle haben hier einen neuen Arbeitsplatz gefunden – große Räume, ein kreatives Umfeld. „Das Ambiente ist toll, hier passt wirklich alles perfekt für uns“, sagt Fotografin Angelika Barth vom Fotostudio Sonderschicht. Sie bezeichnet sich selbst und ihre Kollegin als „totale Ruhrgebietskinder“. Vater und Großvater der beiden haben in Zechen gearbeitet, auch in Lohberg. Laut einer Studie wünschen sich drei viertel der befragten Kreativen die räumliche Nähe zu anderen Kreativen. Neben der technischen Ausstattung eines Standorts – Internet, Telefon, Strom – muss aber auch der Charme stimmen. „Es werden eher industriell-kulturelle Anlagen anstatt Büroneubauten gesucht“, sagt Ilka Cirkel. Mittlerweile ist die komplette erste Etage des Gebäudes vermietet. Elf Ateliers, Foto- und Tonstudios sind in Lohberg entstanden. „Besonders wichtig ist uns die bunte Mischung der Branchen“, sagt Ulf Siemes. Er ist als Planer bei RAG Montan Immobilien tätig, der ein Teil des Zechengeländes gehört. Immer wieder kämen Besucher aus dem Ort oder von außerhalb, um sich das Kreativquartier anzusehen oder Ausstellungen zu besuchen.

Die Materialien des Bergbaus leben in den Ateliers weiter. Gabriele Sowa und Ulrike Int-Veen arbeiten als Malerinnen mit Kohle, Rost und Fundstücken des Zechenareals und organisieren gemeinsam Ausstellungen. Der Kontakt mit anderen Künstlern sei sehr befruchtend. „Da ist eine gewisse Seelenverwandtschaft und ein Austausch da“, beschreibt Ulrike Int-Vent vom Atelier Magenta. „Bei der künstlerischen Arbeit ist man eigentlich viel auf sich alleine gestellt, und da ist so ein Miteinander sehr anregend.“

Ein paar Meter weiter, aus dem Haus raus, über das Gelände, das schon ohne die angrenzende Halde so groß ist wie die Düsseldorfer Altstadt, stehen die alten Zechengebäude. Die Schwarzkantine und die Weißkantine. Lager- und Werkshallen, das ehemals größte Grubengaswerk Europas. Seit mehreren Jahren schon werden die Gebäude zurückgebaut, einige stehen unter Denkmalschutz. Sie warten auf eine neue Nutzung. Ein städtebauliches Strukturkonzept, wie es mit dem Standort weitergehen soll, gibt es bereits. Bis 2015 soll die Infrastruktur vorhanden sein für das, was noch in der Planung ist: ein Park, ein Wohn- und ein Gewerbegebiet sowie Fuß- und Radwege. Darin soll dann auch die riesige Halde, die sich an das Zechengelände anschließt, einbezogen werden.

Mustafa Tazeoglu sieht diese Pläne etwas kritisch: „Ich glaube an die Kreativen vor Ort, aber nicht an die RAG Montan. Wir können uns bisher nicht vorstellen, 320 Hektar umzugestalten und diese riesige Fläche komplett umzugestalten, wenn die Menschen im Kreativquartier noch nicht einmal alle eine vernünftige Internetverbindung haben.“ Ruth Reuter vom Planungsamt in Dinslaken und zuständig für die Kreativquartiere hofft dennoch, dass aus dem gesamten Zechengelände ein lebendiges Viertel werden wird: “Mit der Umgestaltung soll die Zeche ein neuer Lebens-, Arbeits- und Freizeitort werden und wieder den Lohbergern gehören.”

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Momentan darf niemand ohne offizielle Führung, Helme und Sicherheitsschuhe auf das Gelände. Regnet es, sind die Böden aufgeweicht, asphaltierte Wege gibt es nicht. Die Fenster der Hallen sind durchlöchert, große Rohre ragen aus dem Gebäude ins Nichts. Und dann gibt es die Stellen, an denen sichtbar wird, was die Schließung der Zeche Lohberg vergessen ließ: Menschen, die sich mit diesem Ort identifizierten, hier arbeiteten, oftmals 16 Stunden am Stück. „Bergwerk Lohberg, wir werden dich vermissen“ steht an einer Wand. In einem Kasten hängt noch der letzte Dienstplan. Jemand hat einen Stuhl mit einem grünen Rettungskreuz mitten in eine riesige, leere Halle gestellt. „Strukturwandler“ steht in Türkis auf einer Metallwand, ein Pfeil zeigt nach links. „Manchmal kommen Männer hierher und zeigen ihren Frauen zum ersten Mal ihren Arbeitsplatz. Dann sagen sie, hier das war mein Korb, da habe ich meine Kleidung hineingelegt, und dann fangen sie an zu weinen“, sagt Ulrike Int-Veen. „Solche Momente berühren einen tief.“

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