Karambolage – Kunst trifft auf Betrachter

31. Juli 2010 | Von kjanker | Kategorie: Was bleibt

Museumsbesuche gehören zum Touristen-Programm und zum guten Ton. Aber was löst Kunst im Betrachter aus? Was denken Museumsbesucher über Meisterwerke? Wir haben im Museum Folkwang gelauscht und einen Kunsthistoriker gefragt, wie Menschen auf Kunst reagieren.

Von Karin Janker

Was denken Museumsbesucher über Meisterwerke? Wir haben im Museum Folkwang gelauscht (Produktion: Karin Janker, Fotos: Karin Janker und Marc Röhlig)

Was denken Museumsbesucher über Meisterwerke? Wir haben im Museum Folkwang gelauscht (Produktion: Karin Janker, Fotos: Karin Janker und Marc Röhlig)

Rund fünf Sekunden bleibt ein Museumsbesucher durchschnittlich vor einem Kunstwerk stehen. „Vier Sekunden davon für den Titel, eine bis zwei Sekunden für das Bild – eine ziemliche Katastrophe“, diagnostiziert Wolfgang Kemp, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Hamburg. Dabei hat der Betrachter für die Kunst einen hohen Stellenwert. „Er ist das Ziel, denn Kunst richtet sich immer an etwas außerhalb ihrer selbst“, erklärt Kemp. Dass die durchschnittliche Verweildauer vor den Kunstwerken, besonders in großen Museen, trotzdem sehr gering ist, bestätigen auch Studien der Besucherforschung. Während Künstler und Kunstwissenschaftler vom idealen Betrachter ausgehen, also von jemandem, der bereit ist, sich auf ein Kunstwerk einzulassen und sich längere Zeit damit zu befassen, mäandert der durchschnittliche Besucher durch die Museumsräume und lässt den Blick lieber schweifen, statt ihn auf Details zu heften.

Vor bekannten Bildern bleibt er gerne etwas länger stehen, gibt dann manchmal auch den Kunst-Liebhaber. Lässt er sich zu einem Urteil über ein Kunstwerk hinreißen, fallen häufig Sätze wie „find ich schön“, „gefällt mir“ – oder eben „gefällt mir nicht“. Geschmack siegt über künstlerische Qualität, Zugängigkeit über Kunstfertigkeit. Der Kunsthistoriker Kemp hat dafür eine einfache Erklärung: „Der Einstieg erfolgt immer über die emotionale Ebene.“ Erst danach folgen weitere Etappen der Rezeption, die sich durch das jeweilige Wissen des Betrachters eröffnen. Je nachdem, wie viel man über Kunst wisse, könnten sich Kunstwerke über diese Leiter erschließen. Laut Kemp hat Bildung sehr viel damit zu tun, ob man Kunst verstehen kann. Über Popmusik wisse jeder Bescheid, über Kunst leider nicht.

„Wenn ein Museumsbesucher vor einem Werk der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts steht und sieht, dass da auch Alltägliches und Groteskes gemalt wurde, muss er sich fragen, was das soll und betritt damit eine andere Ebene“, sagt Kemp. Denn Kunst ist nicht immer nur schön.

Tags: , ,

Keine Kommentare möglich.