Mit dem Boot zur Kunst

1. August 2010 | Von vzimmermann | Kategorie: Was ist

Vier künstliche Inseln schwimmen in diesem Sommer auf dem Baldeneysee. Das Ruhr-Atoll ist eine der großen Installationen der Kulturhauptstadt. Die Inseln sind den Themen Kunst, Wissenschaft, Energie und Ökologie gewidmet. Die Besucher kommen nur im Tretboot an diese Kunst heran. Und das gefällt: An Wochenenden bilden sich lange Schlangen am Bootssteg.

Von Sabrina Gundert und Verena Zimmermann

Das Ruhr-Atoll

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Übersichtsplan Ruhr-Atoll (Foto: Verena Zimmermann)

Kunst ist Energie – Energie ist Bewegung: So lautet das Motto des Ruhr-Atolls. Es besteht aus vier künstlichen Inseln, die auf dem Baldeneysee schwimmen. Besucher können diese per Tretboot erkunden – bis auf eine. Bei der Insel “Frosch und Teemeister” heißt es: “Betreten verboten!” Die Künster erklären im Interview, warum.

Welche Idee steht hinter “Frosch und Teemeister”?

Katase: Das Werk vereint relevante Themen und spielerischen Ernst, Symbolisches wird über Märchenhaftes ausgedrückt. Hinter “Frosch und Teemeister” steckt ein japanisches Gedicht, ein sogenanntes Haiku. Das Gedicht handelt davon, wie ein Frosch in einen alten Teich hineinspringt. Das hat unsere Arbeit inspiriert. Uns geht es aber nicht um Historismus. Frosch und Teemeister soll kein altes, japanisches Teehaus darstellen, sondern steht für etwas sehr Gegenwärtiges.

Wilkens: Genau. Die Insel ist ein sehr leises Manifest zu den wirklich wichtigen Dingen, wie Haus und Garten und dem Leben auf unserem Planeten, das sehr entfremdet und abstrakt geworden ist. Hinter unserer Insel steht eine globalisierungskritische Haltung. Bei Frosch und Teemeister schwimmt der Nutzgarten direkt hinterm Teehaus. Das zeigt, dass die Äpfel, die wir essen, nicht unbedingt aus Neuseeland eingeflogen werden müssen.

Herr Wilkens, Sie haben 1978 die Architektengruppe„Baufrösche“ gegründet, die sich mit Wohnungsbau aus der Froschperspektive beschäftigt hat. Inwiefern spielt dieses Thema bei „Frosch und Teemeister“ eine Rolle?

Wilkens: Direkt an das Teehaus ist ein Garten angeschlossen. Das illustriert das sogenannte „vollständige Wohnen“. Zu diesem ganzheitlichen Wohnkonzept gehören Drinnen und Draußen, Haus und Hof, ein Garten, eine Möglichkeit zu werkeln. Wir von den Baufröschen wenden uns gegen isolierte Wohnungen irgendwo im 15. Stock, in einer Hollywood-Schaukel zwischen Himmel und Erde. Das ist eine Einschränkung der Lebensqualität, denn die Möglichkeiten für Lebendigkeit fehlen. Die Idee vom vollständigen Wohnen ist eng mit dem sogenannten Wohnungsbau aus der Froschperspektive verbunden. Wir verstehen darunter Wohnen vom Gebraucher her. Es geht nicht um Zirkusideen von Architekten, sondern um bodenständiges, konkretes Wohnen — mit Gärten als Freiräumen.

Katase: Sehen Sie, auch First Lady Michelle Obama hat diese Bedeutung für sich entdeckt und einen kleinen Garten hinterm Weißen Haus angelegt. Die hat deine Idee vom vollständigen Wohnen geklaut! (lacht)

Kazuo Katase und Michael Wilkens haben das schwimmende Teehaus entworfen (Foto: Verena Zimmermann)

Kazuo Katase und Michael Wilkens haben das schwimmende Teehaus entworfen (Foto: Verena Zimmermann)

Offensichtlich stimmt die Chemie zwischen Ihnen. Verläuft die Zusammenarbeit immer so harmonisch?

Katase: Ich dachte mir: Ich hole mir einfach diesen (Bau)-Frosch und lass ihn mit mir ins Wasser springen (schmunzelt). Die Denkweisen eines Künstlers und Architekten sind sehr ähnlich. Ich mag es, interdisziplinär zu arbeiten, denn bei meinen Werken spielt räumliche Ausdehnung oft eine große Rolle. Außerdem wollten wir das Thema Wohnen aus östlicher und westlicher Sicht betrachten. Ich komme aus Japan, deshalb habe ich nach einer okzidentalen Sichtweise gesucht.

Wilkens: Tja, da lag er leider völlig falsch bei mir, denn ich habe in meiner Jugend eine Zeitlang in Asien gelebt und je älter ich werde, desto buddhistischer werde ich (lacht).

Katase: Ich bin ein halber Deutscher und Michael ist ein halber Asiate, vermutlich konnten wir uns deshalb so schnell auf ein Konzept für unsere Insel einigen.

Das schwimmende Teehaus auf dem Baldeneysee hat seinen eigenen Garten

Das schwimmende Teehaus auf dem Baldeneysee hat seinen eigenen Garten

Stichwort Konzept: Sie haben sich bei Ihrer Inselkonzeption bewusst dafür entschieden, dass man sie nicht betreten darf. Viele Besucher haben diese Entscheidung kritisiert.

Wilkens: Ja, es regt manche auf, dass man die Insel nicht betreten darf. Aber das Teehaus funktioniert nur als ein Bild, das die Fantasie anregen soll, nicht als ein tatsächliches Teehaus.

Katase: Man muss bei unserem Werk Distanz wahren: Frosch und Teemeister ist nicht für die Nutzung gedacht, sondern nachhaltig angelegt. Es soll Gedanken stimulieren und nicht konsumiert werden. Würde man den Besuchern erlauben, auf der Teehaus-Insel Yoga zu machen oder Tee zu trinken, würde die Insel sofort in Besitz genommen werden. Dann bräuchte sie auch bestimmte Sicherheitsmaßnahmen für die Besucher. Durch die Entscheidung, keine Gäste auf die Insel zu lassen, kann sie unbeschwert und frei im Wasser treiben. Mittlerweile haben die Besucher auch akzeptiert, dass man die Insel nicht begehen kann. Ein „Nein“ weckt eben auch oft Interesse.

Ein Deutscher und ein Asiate gestalten ein Teehaus für das Ruhrgebiet. Welchen Zusammenhang stellt Ihr Werk zum Ruhrgebiet her?

Katase: Ganz einfach: Es gibt nicht nur Kohleenergie, sondern auch spirituelle Energie. Ein Teehaus, als Ort der Begegnung bietet eine solche Energiequelle. Der Turm in der Mitte des Teehauses erinnert außerdem an einen Förderturm, aber der regionale Bezug stand für uns nicht im Vordergrund. Frosch und Teemeister ist ein Bild, das für alle lesbar ist — und nicht regional begrenzt.

Wie das Ruhr-Atoll bei den Besuchern ankommt, hören Sie in der Umfrage.

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