Mit Polizeieskorte zur Hagia Sophia

31. Juli 2010 | Von rrauch | Kategorie: Was geht

Der Holländer Simon Wintermans, 45, hat die drei europäischen Kulturhauptstädte 2010 per Fahrrad kennen gelernt. Von Essen aus radelte er über seine Wahlheimat Pécs (Ungarn) bis nach Istanbul (Türkei). Ein Interview über seine abenteuerliche Tour, die Gletscher von Montenegro und darüber, warum er nie in Essen leben möchte.

Interview: Raphael Rauch

Kurz vor dem Ziel: Simon Wintermans radelte von Essen nach Istanbul (Foto: privat)

Wie kamen Sie auf die Idee, die drei Städte mit dem Fahrrad zu erkunden?
Ich hab in meinem Sessel zuhause in Pécs gesessen und mir gedacht: Ich wohne in einer der Kulturhauptstädte, da könnte ich doch die anderen auch besuchen. Hinzu kommt, dass Rad fahren meine Leidenschaft ist. So wurde die Idee geboren.

Sogar die New York Times hat sich für Ihre Reise interessiert. Wie erklären Sie sich das große Medienecho?
Die Organisatoren von „Istanbul 2010“ waren von meinem Projekt begeistert und haben meine Reise ins das Jahrbuch aufgenommen. So hat die Times von mir erfahren. Aber auch in Ungarn war das Medieninteresse riesig. Ich hab jeden Samstagmorgen ein zehnminütiges Radiointerview gegeben. Die Menschen finden es meistens lustig, dass ein Holländer aus Pécs nun durch halb Europa tourt.

Welche Kulturhauptstadt gefällt Ihnen denn nun am besten?
Eindeutig Istanbul. Es ist eine wunderbar exotische Stadt mit einer enormen Geschichte, Kultur und einem tollen Lebensgefühl. Es ist sehr angenehm, dort zu sein. Die Türken sind sehr nett, die Küche dort ist sehr gut, die Stadt liegt herrlich am Meer – einfach wunderbar.

Und wie hat Ihnen Essen gefallen?
Ehrlich gesagt, ich mag die Stadt nicht besonders. Zu viele Autos, zu viel Verkehr. Für ein Leben mit Kindern und Familie wäre das nichts. Aber interessant ist Essen schon. Ich finde den Wandel vom Industriezentrum zum Kulturzentrum sehr spannend.

Was hat Ihnen in Essen am besten gefallen?
Der Zollverein. Man hat den enormen Industriekomplex geschmackvoll umgebaut, das ist richtig gelungen. Aber auch die Domschatzkammer ist beeindruckend mit ihren vielen goldenen Kreuzen aus der Ottoner-Zeit. Auch die Madonna im Dom war ein unerwarteter Schatz.

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Begleiten Sie Simon Wintermans von der Ruhr an den Bosporus. Zum Anschauen einfach auf den Player klicken. (Audioslideshow: Raphael Rauch)

Was war das Highlight Ihrer Reise?
Am meisten hat mir gefallen, quer über den Balkan zu fahren. Das war sehr abenteuerlich, zum Teil sehr schwierig und hart, aber es ist ein tolles Gefühl, wenn man einen Berg bezwingt und dann die schöne Aussicht genießen kann.

Und was war Ihr Tiefpunkt?
Mehrere Regisseure in Ungarn hatten Interesse, meine Fahrt zu dokumentieren, aber leider haben sie keine Geldgeber gefunden. Ich habe dann selbst versucht, einen Film zu drehen – musste mir aber schnell eingestehen, dass ich nicht alles machen kann: Fahrrad fahren, fotografieren, Blogs schreiben und noch einen Film drehen – das wäre zuviel gewesen.

Wie viele Pannen hatten Sie?
Keine einzige! Ich hatte gute Reifen und habe ein tolles Fahrrad aus Utrecht gesponsert bekommen.

Kamen Sie während der Reise in Gefahr?
Nein, aber in die unerwartete Situation, noch im Juni Gletscher überqueren zu müssen. Das war in Montenegro. Ich bin über sechs, sieben Gletscher geklettert. Das war gefährlich und ich musste richtig aufpassen, es hat aber auch Spaß gemacht.

Was war besonders lustig auf der Reise?
Als ich in Istanbul angekommen bin, wurde ich von einer Polizeieskorte empfangen und bis zur Hagia Sophia eskortiert. Es passiert ja nicht alle Tage, dass in Istanbul der Verkehr für mich stillgelegt wird.

Wie ging es Ihnen körperlich?
Es war sehr anstrengend, aber ich war stark genug, um gut durchzuhalten. Ich war selbst erstaunt, wie gut es ging – schließlich bin ich ja nicht an der Donau entlang gefahren, sondern habe die harte Bergtour mit schwerem Gepäck gemacht: Fahrrad und Gepäck wogen zusammen 40 Kilogramm.

Am Ziel angekommen: Simon Wintermans gibt eine Pressekonferenz vor der Hagia Sophia in Istanbul (Foto: privat)

Sie kennen nun halb Europa. Haben Sie so etwas wie eine europäische Identität gespürt?
Ich war unterwegs auf der Suche nach der europäischen Einheit. Aber diese Einheit existiert noch nicht. Das liegt daran, dass man sich noch nicht gut genug kennt: Fast überall, wo ich war, hat man mich vor meiner nächsten Station gewarnt. Die Deutschen warnten mich vor dem Balkan, die Ungarn warnten mich vor dem Kosovo, die Kroaten lästerten über die Serben. Meine eigenen Erfahrungen waren ganz anders. Überall bin ich sehr netten Leuten begegnet, wurde höflich empfangen. Ich empfehle jedem, sich auf ein Fahrrad zu schwingen und eine Reise zu machen – zum Beispiel dorthin, wo man denkt, dass es gefährlich sei.

Wohin geht Ihre nächste große Radtour?
Im Moment gönne ich mir eine Pause, aber ich schließe nicht aus, dass ich etwas Ähnliches nochmals mache. Ich habe aber noch nichts geplant.

Simon Wintermans (45) lebt in Pécs, Ungarn, und ist Händler für antike Fliesen. 1991 kam er als Student nach Pécs und lernte dort seine Frau kennen. Er ist Vater von drei Töchtern.

http://www.essen-pecs-istanbul.info/

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